Heimlich geschah sie, die Revolution. Der Reinacher Friedrich «Fritz» Aeschbach hatte 1904 eine Knetmaschine erfunden, die den Bäckern das Handwerk erleichtern sollte. Aber die wollten sie einfach nicht. Oder vielmehr, sie wollten sie schon. Nur sollte niemand von der mechanischen Hilfe wissen. Herrschte doch in vielen Backstuben der Glaube vor, die Kundschaft erwarte Brot, dessen Teig manuell geknetet worden war.
So musste Aeschbach seine türkisfarbene Artofex vor neugierigen Augen geschützt zu jenen Kunden bringen, die zwar am technischen Fortschritt teilhaben wollten, aber noch nicht bereit waren, dies zu offenbaren. «Bei Nacht und Nebel» seien die Maschinen-Lieferungen oft geschehen, erzählte Enkel Robert Aeschbach dem Radiosender SRF 1.
Doch trotz des Versteckspiels: Die Artofex begann ihren Siegeszug durch die Backbetriebe. Bis sie schliesslich salonfähig wurde. Im Dezember 1908 schrieb der «Tägliche Anzeiger für Thun und das Berner Oberland»: «Eine PS genügt, um einen Zentner Mehl zu verarbeiten.»
Mit dem Erfolg kam auch das Wachstum, 1910 liess Fritz Aeschbach im Aarauer Torfeld eine Produktionsstätte für seine Apparate bauen: die Aeschbachhalle, ein Backsteinbau mit flach geneigtem Dach und in einem Raster gesetzten Eisenstützen. Tochterfirmen in Mailand, Paris und New York sorgten dafür, dass die mehrfach patentierten Geräte des gelernten Maschinentechnikers auch zum Exportschlager wurden. So lobte etwa der «Baker’s Digest», ein Fachmagazin aus den USA, die «weltbeste Teigmaschine», und der Schah von Persien erstand ein Gerät aus Aarauer Herstellung, um darin Schulkreide zu mischen. In ihrer Blütezeit beschäftigte die «Maschinenfabrik und Eisengiesserei F. Aeschbach» bis zu 300 Männer und Frauen, war zeitweise die grösste Arbeitgeberin in Aarau. Bis zur Schliessung des Werks im Jahr 1988 wurden über 50 000 Maschinen des Typs Artofex in die ganze Welt verkauft.
Mit einer ganz anderen, aber wohl ebenso effektiven Maschine stehen Thomas Reck und Arton Tishuki vor der Aeschbachhalle. Das lang gezogene Gebäude öffnet sich auf einen grosszügigen Platz, links und rechts reihen sich Häuserblocks. Reck lehnt sich an die Tür der fahrbaren Reinigungsmaschine und sagt: «Hier schlägt das Herz des Quartiers.» Die beiden kennen jeden Winkel des 55 000 Quadratmeter grossen Viertels nahe dem Aarauer Bahnhofs, jeden Schacht, jede Trottoirkante. Sie gehören zum dreiköpfigen Hauswartsteam, das sich für Mobimo um den Gebäudeunterhalt kümmert. «Ein toller Job», so Reck.
Und genau wie die wieder zum Leben erweckte Industriehalle das Herz des Viertels ist, nimmt das Aeschbachquartier in der Geschichte von Mobimo einen ganz zentralen Platz ein. Es ist das erste, das die Immobiliengesellschaft von Grund auf entwickelt hat.
2001 begann Mobimo in Aarau mit dem Erwerb eines Grundstücks Fuss zu fassen, fünf Jahre später kaufte sie ein weiteres Stück Land im sogenannten Torfeld Süd. Man hatte Grosses vor. Keine «beliebige Collage» dürfe hier entstehen, erklärte der damalige CEO Christoph Caviezel in einem Auftritt vor den Medien im Spätsommer 2009, sondern ein «neues Stadtquartier», das alle Bereiche wie Wohnen, Arbeiten und Leben umfasse. Geplantes Bauvolumen: rund 270 Millionen Franken. Die Entwicklung und Umnutzung von ganzen Arealen hatte die Immobiliengesellschaft schon vor einiger Zeit als Geschäftsfeld ausgemacht, sie sollte zu einer ihrer Kernkompetenzen werden. Voraussetzung: ein langer Atem und die diplomatischen Fähigkeiten eines ausgebufften Botschafter-Corps. Nur wenn Anwohnerschaft, Behörden und Politik die Vorhaben akzeptieren und annehmen, kann ein Grossprojekt gelingen.
«HIER SCHLÄGT DAS HERZ DES QUARTIERS.»
Wie viel Potenzial allerdings in verlassenen Industriegeländen schlummerte, hatten bereits 2004 gleich drei Bundesämter in einer Publikation namens «Die brachliegende Schweiz – Entwicklungschancen im Herzen von Agglomerationen» ermittelt. «Zahlreiche Beispiele zeigen, dass es mit Sachkenntnis und mit Willen möglich ist, erfolgreich Industrieareale umzunutzen», hielt der Bericht fest. «Trotzdem bleiben noch viele Millionen von Quadratmetern nicht oder kaum genutzt. Hier liegt nicht nur wertvoller Boden brach, sondern jedes Jahr verfallen mehrere hundert Millionen Franken Wertschöpfung für die Besitzer und Steuereinnahmen für die Gemeinden.»
Meist, so stellten die Studienautoren fest, scheitere die Entwicklung am fehlenden Interesse der Investoren.
In Aarau war das anders. Die Grundsteinlegung für die «Stadt in der Stadt», wie das Regionaljournal von SRF berichtete, erfolgte 2015. In einer Kiste mit Vorhängeschloss wurden feierlich das Baugesuch, ein Mobimo-Magazin, die Verkaufsprospekte für die Wohnungen und der Masterplan für das Quartier vergraben.
Den hatte Kees Christiaanse, Professor für Städtebau an der ETH Zürich und Inhaber des Architekturbüros KCAP, ausgeklügelt. In seiner Forschungsarbeit befasste sich der Holländer damit, was ein Viertel lebendig macht, war so zu einem weltweit führenden Experten geworden, wenn es um die Reanimation von ausrangierten Hafen- oder Fabrikgeländen ging. «Wir versuchen, die Eigenheiten eines Areals herauszuspüren. Dann etablieren wir ein System von öffentlichen Wegen und Plätzen, die stets mit der Nachbarschaft vernetzt sind», schilderte er. Kritik sei er dabei in allen Phasen gewohnt. «Ein Städtebauer braucht eine dicke Haut.»
«EIN STÄDTEBAUER BRAUCHT EINE DICKE HAUT.»
Ein Park, eine Kinderkrippe in der alten Villa Oehler, ein Hochhaus, Büros, Wohnungen zum Kaufen und Mieten, Reihenhäuser, Läden – all das sah der Plan für das Aeschbachquartier vor. Es sollte in Etappen entstehen, mit verschiedenen Ausbauschritten und Partnern. Das Hochhausprojekt an der Buchserstrasse etwa wurde von Mobimo entwickelt und samt Baufeld an GastroSocial, die Pensionskasse für das Gastrogewerbe, verkauft. Autoarm sollte der Stadtteil sein, ein Ort zum Wohlfühlen, vielfältig, mit einem Goldzertifikat für Nachhaltigkeit.
Und mittendrin: die Aeschbachhalle. Die hatte jahrzehntelang brachgelegen, Sprayer tobten sich an ihren Wänden aus, im Keller fanden illegale Partys statt. «Leer geschluckt» habe er, als er das Innere des denkmalgeschützten Gebäudes zum ersten Mal gesehen habe, erklärte Christoph Caviezel der «Aargauer Zeitung».
Ausgerechnet aus diesem heruntergekommenen Überbleibsel vergangener Zeiten, dieser Industrieruine, wollte man das Herzstück der künftigen Nachbarschaft formen. Im September 2016 legte Mobimo den Grundstein für das neue Leben in der Halle: Sie wurde restauriert, renoviert und erweitert. Am 4. April 2019 dann erfolgte die offizielle Eröffnung.
EIN QUARTIER MIT EINER STOLZEN VERGANGENHEIT,
VERANKERT IM HEUTIGEN AARAU.»
Einen Tag zuvor hatte Daniel Ducrey die operative Leitung von Mobimo übernommen. «Am Eröffnungsabend waren alle anwesend, die Teil davon waren: Zum Beispiel Kris Martin, der Künstler, der das Kunstwerk für die Gemeinschaft der Quartierbewohner erschaffen hatte, Vertreter der Industriellenfamilien Oehler und Aeschbach, Behördenmitglieder von Aarau, die Bewohnerinnen und Bewohner», erzählte er. «Diese Feier steht für mich sinnbildlich für das, was wir geschafft haben: ein Quartier mit einer stolzen Vergangenheit, verankert im heutigen Aarau, dessen Geschichte die Bewohner und Besucher nun fortschreiben.»
Einer dieser Geschichtsfortschreiber ist Marco Puma. Gemeinsam mit seiner Frau Kaya betreibt er einen Veloladen im Aeschbachquartier, schon seit 2016. «Ein grosser Schritt» sei das gewesen, meint der Mann mit Schiebermütze, während er durch die Reihen zum Verkauf stehender City-Bikes geht. Eifrig pflegt er den Zusammenhalt im Stadtteil, sorgte dafür, dass eine Bäckerei ihre Waren anbot, oder organisierte ein Treffen samt Feierabendbier. «Schon als ich zum ersten Mal ins Quartier kam, merkte ich, dass es eine positive Energie hat», sagt Susanne Koch, Inhaberin von Haarmonie Coiffure & Make-Up. «Es ist urban, hat Platz für die unterschiedlichsten Menschen.»
Einige Nachbarinnen und Nachbarn hat sie aber verloren, andere Kleingewerbler, die die fehlende Laufkundschaft beklagten und wieder weggezogen sind oder ihr Geschäft ganz aufgaben. Auch die Aeschbachhalle musste einmal den Pächter wechseln, heute präsentiert sie sich als Ort der Begegnung, wo Konzerte stattfinden, Kinder spielen, ein Restaurant und eine Bar Gäste empfangen.
«In der Theorie», sagt Vinzenz Manser, Leiter Realisierung und Mitglied der Geschäftsleitung bei Mobimo, dauere es mindestens fünf Jahre, bis ein Quartier funktioniere. In der Praxis seien es aber zehn. Oder noch mehr. «Das Niederdorf wurde auch nicht in einem Tag eröffnet», so Manser. Manchmal, erzählt er, möchte er in einem Viertel einfach mal eine Woche auf einer Bank sitzen und schauen, was so passiert. Spüren, wie es lebt. Seit 22 Jahren arbeitet Manser, 57, bei Mobimo, fast sein ganzes Berufsleben. Die Firma habe sich immer weiterentwickelt, neue Impulse gesetzt, «darum bin ich wohl so lange geblieben».
Ab und an braucht er aber Geduld, der Wandel. Gerade fahren im Aeschbachquartier wieder die Bagger auf. Die letzte Etappe der Transformation beginnt. Ein Holzwohnhaus – das erste von Mobimo – entsteht und das siebenstöckige «Hallenhaus», aufgebaut auf den Mauern der historischen «Halle 5». «Nächster grosser Wurf», titelte die «Aargauer Zeitung» begeistert, Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker sprach von einem «Vorzeigeareal».
Susanne Koch steht vor ihrem Laden und blickt auf ihr Viertel. «Ich merke die Entwicklung, dass alles zusammenwächst. Und das ist schön so.»









