Überall hends bauet, Tower um Tower um Tower um Tower», singt eine Stimme, unterlegt von melodischen ReggaeRhythmen. «Und ich wür so gern no chli bliibe, doch kein Stei bliibt meh de glich.» 2018 hat der Musiker Dodo ihn geschrieben, den Abgesang auf Zürich-West. Wehmütig beklagt er den Wandel des ehemaligen Industriequartiers, das sich verändert und ihm jetzt kein Zuhause mehr bietet. «Und vilicht erchänni di irgendwänn nüme.»

An Zürich-West, diesem Gebiet zwischen Gleisfeld und Limmat, 2 000 Meter lang und 700 Meter breit, scheiden sich die Geister. Während die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» begeistert festhält, hier zeige «die beschauliche Bankenhochburg plötzlich ein aufregendes, grossstädtisches Gesicht», glaubt die «NZZ», das Viertel sei «extrem bieder und tot». Tatsächlich: Kein anderes Zürcher Quartier ist so umstritten, so schwer zu verstehen, so ambivalent.

Seine Geschichte zeigt aber auch: Renaissance ist in Zürich-West mehr als nur der Name eines Hotels. So scheint es logisch, fast schicksalhaft, dass eines der ehrgeizigsten Projekte von Mobimo in diesem Teil der Limmatstadt verwirklicht wurde – und für die Immobilienfirma wenn auch keine Wiedergeburt, so doch immerhin eine Zeitenwende bedeutete.

«Die Aussicht begeistert jeden MärklinFan», sagt Stefan Buchs und deutet aus einem Panoramafenster im 15. Stock. Unter ihm liegen Gleisstränge, Züge fahren, winzig klein, wie in einer Modellbaulandschaft. Buchs, ein fröhlicher Baden-Württemberger, ist Direktor des 5-Sterne-Hotels Renaissance Zurich Tower, hat schon in Dubai, London, Prag gelebt. Nein, nicht alle Gäste, die in einem der 300 Zimmer unterkommen, verstehen sofort den Charme von Zürich-West, sagt er. «Es hat nicht viel mit der Bilderbuch-Schweiz zu tun.» Er selbst liebe es, dass hier «richtig Stadt ist».

«ÜBERALL HENDS BAUET, TOWER UM TOWER UM TOWER.»

81 Meter hoch ist der Turm, in dem Direktor Buchs so gerne arbeitet, er beherbergt im Erdgeschoss eine Bar, ein Fine-Dining-Restaurant und auf den neun Etagen über dem Hotel auch 53 Eigentumswohnungen. Entworfen hat ihn das Basler Architekturbüro Diener & Diener im Auftrag von Mobimo.

Als das «ambitiöseste Projekt der knapp zehnjährigen Unternehmensgeschichte» bezeichnete «Finanz & Wirtschaft» das Vorhaben im August 2008. Im Geschäftsbericht desselben Jahres schrieb Mobimo, mit einer Investitionssumme von geschätzten 250 Millionen Franken, inklusive 37 Millionen Franken Bauland, sei der Mobimo-Tower das «bisher grösste» Projekt.

Da hatte die Gegend um die Turbinenstrasse 20 schon eine wechselhafte Vergangenheit hinter sich. Zum ersten Mal sorgte der Strassenzug, damals noch am äussersten Rand der Stadt gelegen, am 10. April 1906 für Schlagzeilen. «Gestern Montag Nachmittag ca. 2 Uhr entstand im Industriequartier, gerade hinter der grossen Maschinenfabrik Escher, Wyß und Co. ein Grossfeuer. Vor einer an das zweistöckige Wohnhaus ‹Pfingstweid›, Turbinenstrasse Nr. 20, angebauten Stallung lag ein Haufen Streue, wahrscheinlich zum Trocknen hingelegt. Zwei kleine Knaben spielten hier mit Zündhölzchen; sie ‹feuerleten›. Sie hatten ihre helle Freude, als die Streue plötzlich lichterloh brannte», berichtete die Zeitung «Neue Zürcher Nachrichten».

Mobimo-Tower Und Überbauung «am Pfingstweidpark», 2019

Acht Kühe und alle Bewohner des Hauses konnten unversehrt gerettet werden. «Den ganzen Nachmittag umstand eine gewaltige Menge Schaulustiger das Brandobjekt, von dem nun nur noch die kahlen Mauern stehen.»

Einige Monate später stellte die «Zürcherische Freitagszeitung» fest: «In diesem noch ganz in den Anfängen steckenden Quartier» habe der «löbliche Stadtrat» die Namensgebung der Strassen wohl dem Verwaltungsrat der benachbarten Escher Wyss überlassen. Denn die grösste Attraktion, die die Turbinenstrasse zu bieten habe, seien «zwei Jauchewagen».

Tatsächlich hatte die Leitung der Maschinenfabrik Escher Wyss 1889 beschlossen, in der Hard eine neue Fabrikanlage zu bauen. Turbinen, Schiffe, Papiermaschinen, Dampflokomotiven: Sie alle entstanden in den riesigen Fabrikhallen. Andere Unternehmen waren schon in der Nachbarschaft oder folgten: Die Firma Steinfels etwa, die aus altem Fett Seifenherstellte, die Actienbrauerei Zürich oder die Maag Zahnräder AG. Das Industriequartier hatte jetzt seine Industrie.

Doch auf die Blüte folgte der Niedergang. Mit dem wirtschaftlichen Strukturwandel Anfang der 1980er-Jahre wanderten die Betriebe ab oder schlossen ihre Tore ganz. Drei Viertel der industriellen Arbeitsplätze verschwanden. Die Produktionsstätten verkamen, gerieten immer mehr zu vernachlässigten Brachen. Das Viertel litt. Lebten 1930 genau 2 248 Männer, Frauen und Kinder im Quartier, waren es 1990 noch 1 513.

Schliesslich erkannte die Politik das Problem – und auch das Potenzial, das die Entwicklung der Industriebrachen bieten würde. Nein, die Stadt war noch nicht gebaut, hier gab es die Möglichkeit für einen ganz grossen Wurf, für «Zürichs späten, aber umso forscheren Versuch mit einer turbulenten Urbanität», so die «FAZ».

Die Maschinenfabrik Escher Wyss stellte im Zürcher Industriequartier auch gigantische Turbinen her, hier die Montage eines Spiralgehäuses, 1939

Der Stadtrat ergriff 1996 die Initiative und berief das «Stadtforum» ein: SP-Stadtpräsident Josef Estermann schickte sich an, für die leer stehenden Industrieareale tragfähige Kompromisse zwischen Stadt und Grundeigentümern, zwischen Nachhaltigkeit und Rentabilität zu finden.

Es folgte der Aufbruch, die Veränderung. Puls 5 öffnete seine Türen, später der Prime Tower auf dem Maag-Areal, die sanierten Bögen des Bahnviadukts. Und dazwischen die Clubs, die Restaurants, die Ateliers, die durch die Zwischennutzung aufkamen. Eine ZürichWest-Szene aus Träumern, Spinnern, Studierenden, Anwälten, Kunstschaffenden und Bankern war entstanden. Bald nannte man es «Trendquartier».

Hier wollte also Mobimo ihren Turm bauen. Es war nicht das erste Projekt im Viertel. Nahe dem Escher-Wyss-Platz stand schon seit 2001 das Mobimo-Hochhaus, ein Bürogebäude in Minergiebauweise.

Die Arbeiten an der Turbinenstrasse begannen im Mai 2009. Nicht ohne Zwischenrufe. Die Juso kritisierte «die überteuerten Luxuswohnungen, die keiner braucht».

2010, als die Hälfte des Mobimo-Tower gebaut war, erklärte Projektleiter Marc Pointet in der «Bilanz»: «Wir verkaufen doch gar kein Hochhaus, sondern etwas viel Schöneres: Aussicht und Leben im Fünfsternhotel, eingefasst in römischem Travertin.» Vertikale Stadtteile strebe man an, so Pointet, wo man nicht bloss wohne, sondern auch allerlei andere Dinge erledigen könne.

«WIR VERKAUFEN DOCH GAR KEIN HOCHHAUS.»

Mobimo hatte allerdings schon umdenken müssen: Mit der Hotelkette Renaissance war es zwar gelungen, eine Mieterin mit 25 Jahren Vertragsdauer zu sichern. Die geplanten HighEnd-Eigentumswohnungen stellten sich jedoch als schwer zu verkaufen heraus. Als Reaktion verkleinerte man die Wohnflächen – und damit die Preise. Aus dem einst 1 180 Quadratmeter gross konzipierten Penthouse im 24. Geschoss etwa wurden nun vier Wohnungen.

Als die Kritik am markanten Hochhaus und überhaupt an der Entwicklung des Quartiers an hielt, konterte Marc Pointet im «Magazin» des «Tages-Anzeigers»: «Die Bedenken, dass der Turm ein Symbol für die Kluft zwischen Arm und Reich sein könnte und hier ein paar Millionäre abgehoben von der Bevölkerung im Kreis 5 leben, verstehe ich nicht», sagte er im Juli 2011, wenige Wochen vor der Eröffnung des Gebäudes. «Unsere Kunden sind erfolgreiche Unternehmer oder Topmanager, ganz normale Leute.»

Immerhin war für den Tower ein FengShui-Berater im Einsatz gewesen. «Man spürt im Turm diese positive schwere Energie», erzählte Projektleiter Pointet.

So erfreulich die Energie auch war, für Mobimo bedeutete die Erfahrung mit den Luxusapartments auch einen Strategiewechsel. «Wir machen in diesem Segment nicht mehr weiter», sagte Christoph Caviezel, der 2008 den Posten des CEO übernommen hatte, bei der Präsentation der Geschäftsergebnisse 2012. Konzentrieren wolle sich Mobimo künftig auf das mittlere Segment. Stockwerkeigentum in dieser Preisklasse gehe immer noch weg wie warme Weggli, so Caviezel.

«Du häsch kei Platz meh für mich», singt Dodo in seinem Lied über Zürich-West. «Ich akzeptiers. Drum nimi Abschied vo dir. Obwohl i di lieb.»

Licht an: Die Skyline Von Zürich-West, 2013