Biodiversität vor dem Mobimogeschäftssitz, 2024

Lob hört sich anders an. Als das Mobimo-Hochhaus im Januar 2001 fertig umgebaut war, konstatierte die «NZZ», der «früher ansehnliche Industriebau ist durch die Erneuerungsmassnahmen zu einem unansehnlichen Gebäude» geworden, die zweite Glasfassade wirke wie ein «Gelatine-Überzug, wie eine Maske».

Ein Schlag für die noch junge Mobimo, hatte sie doch angekündigt, am Zürcher Escher-Wyss-Platz «das modernste Hochhaus der Schweiz» entstehen zu lassen, niedrig im Energieverbrauch, mit rauchfreien Büros. «Verdrängt» habe er die Kritik wohl, sagt Georg Horka, der damalige Projektmanager, heute. «Oder habe ich sie gar nie gelesen?»

Ein anderer schrieb seinerzeit umgehend eine wortgewandte Replik. «Was polarisiert und akzentuierte Meinungen herausfordert, kann nicht ganz frei sein von Qualität», hielt Mobimo-Chef Alfred Meili fest. «Der Kerngedanke dieses Projekts war: Es gilt, aus dem Bestehenden ein Haus der Zukunft zu entwickeln. Die Form folgt dabei der Funktion.» Mobimo fördere – auch aus kommerziellen Überlegungen – neben der architektonischen Qualität eine konsequent ökologische Bauweise. Wichtig sei dabei «die Einsicht, dass die ökologischen Fragen des 21. Jahrhunderts nicht mit dem Formen-Vokabular des 19. Jahrhunderts beantwortet werden können».

Da stand es also, das erste Niedrigenergie- und Nichtraucher Hochhaus der Schweiz. Und sorgte gleich für eine Kontroverse. Dabei steckte hinter der gescholtenen Fassade echte ökologische Pionierarbeit.

Das ehemalige Sulzer-Verwaltungsgebäude, 1972 gebaut und mittlerweile etwas in die Jahre gekommen, stand 1999 schon eine Weile zum Verkauf, als eines Tages bei Georg Horka das Telefon klingelte. «Wäre das nichts für euch?», wollte der Anrufer wissen. Doch, fand Horka. Denn: «Ich glaubte an das Quartier», sagt er. Obwohl da vor allem eins war: eine gigantische Industriebrache. Aber auch Kunstschaffende, Untergrundclubs und die Absichtserklärung der Stadt, «ein gutes neues Quartier» zu schaffen. «Da musste man aufhorchen, das war ein Zeichen für Aufbruch», sagt Horka.

Nun galt es für den Bündner, bei der neugegründeten Mobimo für Architektur und Projektmanagement zuständig, den Verwaltungsrat von seiner Vision zu überzeugen. Drei Mal musste er vorsprechen, dann hatte er das Gremium so weit. In zwei Autos fuhr man durch die Gegend um den Escher-Wyss-Platz und sah sich um. Dann war klar: Das Hochhaus, das wird was. Aber anders, als sich manch einer vorstellte.

Georg Horka mag es nicht, wenn man ihn als Vater der Nachhaltigkeit bei Mobimo bezeichnet. «Nicht, dass Sie mich zu sehr loben», sagt er. «Das war Teamarbeit.» Und doch war er es, der mit seinen Ideen den Fortschritt vorantrieb, als viele noch dachten, auf Ressourcen zu achten, sei nur etwas für hartgesottene Grüne Wähler und verklärte Umwelt-Träumer.

Gemeinsam mit den Architekten Rolf Läuppi und Heinz Zimmermann schritt Horka beim Hochhaus zur Tat. Es wurde um drei auf 15 Etagen aufgestockt und erhielt als «zweite Haut» eine vorangesetzte Glasfassade, die als Luftkollektor wirkte. Damit konnte der Energiebedarf für Heizung, Lüftung und Klima, wie seinerzeit erklärt wurde, um rund 70 Prozent gesenkt werden. Was man noch benötigte, kam in Form von Abwärme aus der nahen Kehrichtverbrennungsanlage Josefstrasse.

Ökologische Pionierarbeit: Das Mobimo-Hochhaus war 2001 das erste Minergie-Hochhaus der Schweiz.

«WAS POLARISIERT, KANN NICHT FREI SEIN VON QUALITÄT.»

Auch bei anderen Massnahmen war man dem damaligen Branchen-Standard weit voraus: Mobimo verzichtete auf Öl- und Gasheizungen, wo immer es ging. Stattdessen setzte man auf Erdsonden und Wärmepumpen. Ausserdem war das Wohlbefinden, heute ein Teil der sozialen Komponenten der ESG-Richtlinien, wichtig. Mit Farbberatern, Kunst am Bau und später auch mit Feng-Shui-Experten versuchte man so zu bauen, dass die Bewohner gerne in Mobimo Gebäuden zu Hause waren oder arbeiteten. «Nachhaltigkeit ist eine Haltung», sagt Georg Horka.

Die nicht alle verstanden. «Am Anfang wurden ‹Häuser ohne Kamin› sogar belächelt», schilderte der ehemalige Mobimo-CEO Christoph Caviezel. Sein Vorgänger Paul Schnetzer schrieb denn auch 2007 in der «Handelszeitung»: «Energieeffizienz ist im Wohnungsbau immer noch kaum ein Thema. Das muss ändern, denn eine globale Verbesserung der Umwelt beginnt lokal.» Bedingt durch den Klimawandel «müssen derzeit gültige Regeln in der Energie- und Gebäudetechnik ganz ernsthaft hinterfragt werden. Dabei geht es letztlich für uns alle um die Zukunft auf unserem Planeten.»

Mobimo setzte ihren Weg konsequent fort. Im Geschäftsbericht 2011 erschien zum ersten Mal ein integrierter Nachhaltigkeitsteil. «Immobilien haben eine langfristige Lebensdauer und die in der Anfangsphase gemachten Entscheidungen beeinflussen Umwelt und Gesellschaft deshalb besonders lange», steht da. Ein Jahr später: «Mobimo will mit ihren Immobilien die Grundlage für ein modernes, gesundes, verantwortungsvolles und umweltgerechtes Wohnen, Arbeiten und Leben schaffen.»

«AM ANFANG WURDEN
HÄUSER OHNE KAMIN BELÄCHELT.»

Die anhaltenden Bemühungen schlugen sich, so hielt der Bericht fest, in Zahlen nieder: Die Analyse aller bestehenden Mobimo Anlageobjekte zeigte, dass der Bestand mit Baujahr 2008 und älter insgesamt über 232 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr verbrauchte. Die Neubauten im Portfolio benötigten hingegen nur noch 83 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. Ebenso blieben tierische Bewohner von den Nachhaltigkeitsanstrengungen nicht unberührt: Auf dem Dach des Zürcher Pfingstweidprojekts etwa legte man 2013 für Eidechsen spezielle Erdgebilde als Behausungen an.

Auch für Pioniere steht die Zeit nicht still. Gerade wagt die Immobiliengesellschaft einen Versuch mit künstlicher Intelligenz, um die Energie- und CO2-Emissionen des Gebäudeparks weiter zu reduzieren. Ein anderes Experiment wächst vor den Fenstern des Mobimo-Geschäftssitzes in Küsnacht ZH. Statt Rasen spriesst eine bunte Mischung aus heimischen Gräsern und Büschen; die biodiverse Umgestaltung wurde von den Mitarbeitenden mitbestimmt. Wenn es klappt, will man den Noch-Test-Garten in den Umgebungen der Immobilienprojekte ausrollen. Erste Erfolgsmeldungen gibt es schon zu verzeichnen: «Man sieht tatsächlich mehr Schmetterlinge», sagt Vinzenz Manser, Leiter Realisierung.

Und das von der «NZZ» getadelte Mobimo-Hochhaus? Es hat die Kritik überdauert. Auf der Website der Stadt Zürich steht heute: «Der Umbau hat aus dem Hochhaus ein Lichtzeichen gemacht.» Und: «Dabei ist ein energiesparender und umweltfreundlicher Minergie-Bau entstanden.»