Wenn Paul Rambert etwas übers Quartier du Flon sagen soll, dann diese Sätze: «C’est un quartier pas comme les autres.» – Es ist ein Quartier wie kein anderes. Und: «Rienn’est jamais terminé!» – Nichts ist jemals zu Ende. Rambert, Architekt, hat einen Teil seiner Karriere der Vision des Flon gewidmet, der 79-Jährige hat grossen Anteil an dem, was der Stadtteil mitten in Lausanne heute ist: ein Treffpunkt für die Bevölkerung, ein Must-see für Touristen, eine gelungene Mischung aus Einkaufen, Arbeiten, Lernen, Wohnen, Kultur, Sport und Freizeit.
Der Flon ist das, was viele Stadtquartiere in der Schweiz laut ihren Entwicklungsplänen gerne wären. Der Flon, das ist ein Stück Lausanner Identität. Es ist ein Quartier mit einem eigens nach ihm benannten öffentlichen WLAN. Ein Quartier mit einer preisgekrönten Tiefgarage und einer sehr guten Anbindung an den öffentlichen Verkehr. Ein Quartier, dessen Bewohner und Geschäftstreibende sich auch heute noch «les Gens du Flon» – die Leute vom Flon – nennen. Und nicht zuletzt ist das Viertel auch der Westschweizer Glücksfall für Mobimo.
Der Flon, das ist eigentlich der Fluss, der durch diesen Teil von Lausanne fliesst. Im 19. Jahrhundert baute die «Compagnie du chemin de fer Lausanne-Ouchy», kurz Lausanne-Ouchy oder LO, die Metro von Ouchy zum Stadtzentrum und füllte das Flussbett des Flon auf. Zeuge davon ist der Grand-Pont an der südöstlichen Grenze des Viertels, von dem heute nur noch die obersten Bögen sichtbar sind. Der Rest der Brücke stecke «bis zu den Knien im neuen Terrain», wie es die Zeitschrift «Hochparterre» beschrieb. Der Fluss Flon fliesst heute unterirdisch kanalisiert in einem denkmalgeschützten Tunnel unter dem Quartierplateau.
Auf dem Plateau betreibt LO Ende des 19. Jahrhunderts einen Güterbahnhof mit Gleisen und Lagerhäusern. Als die Groupe LO in den 1980er-Jahren den Bahnbetrieb einstellt und die Metro an die Lausanner Verkehrsbetriebe verkauft, nistet sich Lausannes Subkultur im Flon ein: Kleinbetriebe, Kreative, Partylokale. Die Lausanner Rapper Sens Unik haben hier in den 1990ern ihr Aufnahmestudio. Der junge Carlos Leal rappt in einem Porträt über Sens Unik des Senders RTS erkennbar vom Dach eines Gebäudes im Flon, und auf der Plattenhülle des Albums «Chromatique» von 1994 sind versteckte Referenzen an das Viertel enthalten. Les Gens du Flon leben in den Dachstöcken der Lagerhäuser, der legendäre Club MAD öffnet 1985 im Quartier seine Pforten. Die «NZZ» beschreibt das MAD als «etwas verrückt, etwas ‹underground›, etwas randständig», der Flon sei das «Lausanner SoHo» gewesen.
Aber der Flon ist auch ein grosser Parkplatz und ein Ort, an dem Projekte zum Scheitern verurteilt sind. Unter den zahlreichen nicht realisierten Umnutzungsideen ist auch eine der beiden Schweizer Architektur-Grössen Mario Botta und Vincent Mangeat. Und der Flon wird zu einer No-go-Area, wo sich Prostitution und Drogenszene ansiedeln. «Es war nicht ganz so schlimm, aber ähnlich wie am Zürcher Letten», erinnert sich Paul Rambert. Seinen traurigen Höhepunkt erreicht der schlechte Ruf des Quartiers, als im Herbst 2000 die 27-jährige Drogenprostituierte Plume Opfer eines brutalen Verbrechens wird. Ein Mann hatte sie in einer Lagerhalle im Flon vergewaltigt und fast zu Tode geprügelt.
1998 hatte Paul Rambert die Leitung von LO, der einstigen Bahngesellschaft, die jetzt eine Immobiliengesellschaft ist, übernommen, und somit die Aufgabe, auf dem Gelände des Flon etwas zu unternehmen. Als Erstes will der Architekt, der auch in den USA und in Algerien für Immobilienfirmen tätig gewesen war, herausfinden, warum dieses Stück Stadt im Herzen Lausannes «so viele Jahre lang auf dem Nullpunkt verharrte», wie er sagt. Die Fronten zwischen LO, der Stadtbehörde und den Gens du Flon sind verhärtet. Rambert holt sich zwei Berater, den französischen Stadtplaner Charles Lambert und den Kommunikationsspezialisten Edgar Fasel, einst persönlicher Mitarbeiter von Bundesrat Kurt Furgler. Sie stellen sich vor, was sie sehen würden, wenn sie in 20 Jahren in einem Helikopter über den Stadtteil fliegen würden. «Wir wollten das Quartier aus einem anderen Blickwinkel entdecken», so Rambert. Er tauscht seinen Anzug mit einer Jeans und geht mit seinem Hund durchs Quartier, spricht mit Leuten. Es sei «nicht viel los» gewesen, ausser nachts zwischen ein und vier Uhr.
«ETWAS VERRÜCKT, ETWAS ‹UNDERGROUND›, ETWAS RANDSTÄNDIG.»
Rambert und sein Team bei LO haben eine Vision. Der Flon soll rund um die Uhr leben: «In diesem Quartier, das ist wie kein anderes, sollten die Menschen wohnen, arbeiten, konsumieren, sich amüsieren.» Die Flon-Vision war geboren.
Von der Eigentümergesellschaft LO verlangt sie die Risikobereitschaft für hohe Investitionen, die Aktionäre verzichten über mehrere Jahre auf ihre Dividenden. Rambert muss die Gens du Flon davon überzeugen, dass man ihnen nicht alles wegnehmen will, und ihnen gleichzeitig klarmachen, dass die LO Holding die Besitzerin des 55 000 Quadratmeter grossen Areals ist. Auch dank der Kommunikationsoffensive von Edgar Fasel («informer, communiquer … encore et toujours») ist man der Flon-Vision 1999 einen Schritt näher, und der Lausanner Gemeinderat genehmigt den Gestaltungsplan. Dieser teilt das Areal in drei strategische Gebiete: Eine kommerzielle Durchgangszone beim Grand-Pont im Osten, eine Begegnungszone in der Mitte und eine Destinationszone am westlichen Ende mit Büro- und Verwaltungsgebäuden sowie der Migros-Klubschule. Neubauten von verschiedenen, namhaften Architekturbüros kommen neben denkmalgeschützten Altbauten wie der Lagerhalle, in der sich der Club MAD seit 1988 befindet, zu stehen. Es entstehen Plätze, Ladenlokale, Fussgängerzonen, Restaurants, Wohnungen, Kunstwerke, später kommen zwei Hotels dazu. Alteingesessene wie die Boutique Maniak und das Hilfswerk Terre des Hommes haben ihren Platz, genauso wie Migros, der französische Unterhaltungsriese Fnac, eine Bank. Unterirdisch zieht sich fast über die ganze Länge ein Parkhaus und teilt sich das Bett mit dem Fluss.
Die Diskussionen mit den Gens du Flon bringen den besonnenen Architekten Rambert zuweilen an seine Grenzen. Dass die Schranken, die die LO aufstellen lässt, um die wild parkierenden Autos in den Griff zu bekommen, immer wieder abgebaut und demoliert werden, damit kann er leben. Dass plötzlich T-Shirts mit der Aufschrift «Guantana-Flon» im Umlauf sind und die Gens du Flon behaupten, eingesperrt und überwacht zu werden, versteht er hingegen nicht. Dass er ständig in den Medien ist, setzt ihm zu.
Gleichzeitig stellen sich Erfolge ein: So wird das Parkhaus zum beliebtesten der Stadt – ohne einen einzigen Frauenparkplatz, aber auch ohne dunkle Ecken und unübersichtliche Treppenabgänge sowie ohne Pfeiler, die die Sicht versperren und beim Parkieren im Weg sind. 2003 wird die Garage von der European Parking Association dafür ausgezeichnet.
«WENN ICH DURCH DEN FLON GEHE, SEHE ICH DIE ZUKUNFT.»
2009 – die erste Etappe ist fertiggestellt – klopft mit Mobimo eine Interessentin aus der Deutschschweiz an. Die Immobiliengesellschaft möchte ihren lang ersehnten Wunsch nach einem Eintritt in den Westschweizer Markt mit einer Fusion wahrmachen. Die LO Holding auf der anderen Seite kann frisches Geld für die zweite Etappe der Flon-Vision gebrauchen. Ende des Jahres ist die Zusammenführung der beiden Gesellschaften Tatsache: Mobimo erwirbt eine Beteiligung von LO, tauscht Aktien und übernimmt Schulden für insgesamt 150 Millionen Franken. Paul Rambert tritt die operative Leitung der LO Holding ab und sitzt bis 2015 im Verwaltungsrat von Mobimo.
2024 wird die Flon-Vision – genau wie Mobimo – 25 Jahre alt. Die Flon-Vision lebt. Und natürlich ist das Quartier, das ist wie kein anderes, noch heute nicht fertig. Das stellt auch Paul Rambert fest, wenn er durch «sein» Viertel geht, Kaffee oder einen Aperitif trinkt und dabei die Aussenmöblierung der Restaurants, die neue Beleuchtung, neu gemachte Plätze sowie die Läden inspiziert, die sich inzwischen angesiedelt haben. Eine Kinderkrippe benutzt heute die Terrasse, die als Freiluftbühne gebaut worden war, Postfinance eröffnet demnächst eine Filiale, und hinter markanten Glasfassaden sind die neusten E-Autos ausgestellt. Gleichzeitig setze man im Flon, rund 60 Jahre nachdem die Gleise entfernt worden sind, «wieder auf das Tram», stellt die «NZZ» fest. Eine Haltestelle sowie Gleise der neuen Linie zwischen Lausanne und Renens sollen 2026 fertiggestellt sein. Und auch im Untergrund der Place de l’Europe rumort es, dort entsteht die dritte Metrolinie M3.
2009 sagte Paul Rambert: «Wenn ich jetzt durch das FlonViertel gehe, sehe ich die Zukunft.» Das ist 2024 nicht anders.












