Wer Mobimo verstehen will, muss Alfred Meili verstehen. Oder es zumindest versuchen. Natürlich ist die Immobiliengesellschaft nicht mehr die gleiche Firma, die der Luzerner vor mehr als zwei Jahrzehnten mitgegründet hat, sie hat sich weiterentwickelt. Aber in ihrer DNA, da steckt er noch: der Mann, der als Schüler Skis verkauft und mit dem Profit sein erstes Grundstück ersteht.
Auf einem A4-Blatt sind sie fein säuberlich notiert: Die Anekdoten, die Alfred «Fredy» Meili über die ersten Jahre von Mobimo erzählen will. Wie er vor dem Börsengang behauptete, er spreche kein Englisch, um die Banker der UBS zu ärgern, die ihre Präsentation mit Anglizismen gespickt hatten. Oder wie er die Stadt Zürich durch hartnäckiges Vorsprechen überredete, ihn den Firmenschriftzug am Mobimo-Hochhaus anbringen zu lassen. «Nur für zwei Jahre», erklärte er, «zur Unterstützung des Börsengangs». Angeschrieben ist der Name noch immer.
«Gutes tun, Geld verdienen, Freude haben», erläutert Meili sein Credo. Und sagt später: «Meine Geschichte zeigt, dass es möglich ist, aus jeder Gesellschaftsschicht den Aufstieg zu schaffen.»
Bloss den Markt muss man kennen. Und Ideen haben.
Davon hat Meili genug: Er ist rastlos, arbeitet sieben Tage die Woche. Seine kreativen Geistesblitze lassen ihm keine Ruhe. Und auch anderen nicht. «An Wochenenden, wenn der Grasshoppers-Club ein Heimspiel hatte, konnten wir es ausrechnen: Spielschluss plus Fahrzeit nach Zollikon – und schon kamen die ersten E-Mails, auch am Samstagabend oder am Sonntagnachmittag», erinnerte sich Paul Schnetzer, der ehemalige CEO von Mobimo. «Er war der Motor der Firma.»
Dass das Schicksal jedem mitspielt, erfährt der Sohn eines Luzerners, der sich zum Coiffeurgeschäftsbesitzer hochgearbeitet hat, da kann er kaum laufen. 1948, Fredy ist gerade mal ein Jahr alt, lassen sich die Eltern scheiden. Die Mutter tritt eine Stelle als Restaurantleiterin in einem Hotel an und muss den Bub bei entfernten Verwandten in der Westschweiz unterbringen. Als sie ihn schliesslich nach Hause holt, ziehen die beiden in eine kleine Wohnung im Luzerner Säntihof, die für Mutter und Sohn mit der Zeit eng wird. Räumlich, aber auch emotional. «Ich bin mir sicher», schreibt Alfred Meili in seiner Biografie, dass diese Enge Ursprung des späteren «Ehrgeizes wurde, in Immobilien zu investieren».
«GUTES TUN,
GELD VERDIENEN,
FREUDE HABEN.»
Früh merkt Fredy, dass er «ein besseres Leben haben könnte, wenn ich Geld verdiente». Der Vater lässt ihn einen alten Zigarettenautomaten bewirtschaften, so nimmt er sein eigenes Sackgeld ein. Mit 15 fängt Alfred Meili an, einem lokalen Velohändler Occasionsräder abzukaufen und per Kleininserat weiterzuveräussern. Mit 18 Jahren eröffnet der Kanti-Schüler einen Laden, wo er Auslaufmodelle bekannter Skimarken verkauft. «Skicount» nennt er die Firma. Sie läuft gut, sehr gut. An manchen Samstagen bilden sich Schlangen vor dem Verkaufsraum.
Den Gewinn aus dem Skigeschäft steckt Alfred Meili in seine erste Liegenschaft. Die Holzbänke im Treppenhaus des Vierfamilienhauses in Kriens frischt er selbst mit roter Farbe auf, sein Schulfreund, der spätere Mobimo-Verwaltungsrat Kurt Bättig, hilft ihm, Fliesen aus chinesischen Schweineborsten zu verlegen.
Meili studiert in St. Gallen Wirtschaft, in Zürich Jura, doktoriert, arbeitet erfolgreich als Wirtschaftsanwalt. Mit 50 will er sich aber verändern. «Ich bin von der Illusion ausgegangen, dass der Beruf eines Immobilienhändlers viel einfacher sei als der eines Anwalts und man folglich weniger arbeiten müsse», hat Meili einmal gesagt. Tatsächlich lässt ihn auch während der Juristenzeit seine Leidenschaft für Liegenschaften nicht los. In der Zeitung liest er, wo gerade gebaut wird. Er fährt in seiner Freizeit von Baustelle zu Baustelle, stellt Fragen. Er lernt vom Zuhören.
Dann, im Oktober 1997, als die Immobilienkrise langsam zu Ende geht, die Preise aber noch tief sind, gründet Meili zusammen mit dem Luzerner Privatbankier Karl Reichmuth Mobimo; der Name steht für «mobile Immobilien».
Reichmuth, Sohn eines Käsermeisters aus dem Kanton Schwyz, hat ein Jahr zuvor seine Privatbank auf die Beine gestellt. «Mir fiel auf, dass einige unserer grösseren Klienten in ihrer Portfoliogestaltung viel zu wenig in die Anlagekategorie Immobilien investiert hatten», sagt er. Das soll sich ändern.
«Wir waren eine Zweckgemeinschaft. Aber vor allem waren wir Freunde.»
Meili und Reichmuth kennen sich bereits beruflich, beide waren in den Aufbau des Detailhändlers Pick Pay involviert. Sie mögen sich. «Ich sagte zu Fredy: Du bist zwar ein guter Anwalt, aber ein noch besserer Immobilienkäufer. Er hatte eine wirklich besondere Gabe, das Potenzial einer Liegenschaft zu erkennen», erzählt der Bankier. Ohne den jeweils anderen hätten sie Mobimo nicht hingekriegt: «Ja, wir waren eine Zweckgemeinschaft. Aber vor allem waren wir Freunde.»
Für Reichmuth ist klar: Die Firmenform muss eine Aktiengesellschaft sein, ein Immobilienfonds kommt für ihn nicht in Frage. Die Anlagen der Investoren sollen liquide bleiben, deshalb will er Mobimo in absehbarer Zeit an die Börse bringen. Mit «Innerschweizer Sturheit» habe er das durchgesetzt, sagt er. Mit 36 Millionen Franken Aktienkapital, bereitgestellt von Reichmuths Kunden, legt Mobimo los. Die Strategie lautet: 70 Prozent Anlageliegenschaften, die eine sichere Rendite bringen, 30 Prozent Entwicklungsprojekte im Wohneigentumsbereich, wo es richtig Geld zu verdienen gibt.
«Mutig» sei die Gründung von Mobimo gewesen, erzählt Georg Horka, einer der ersten Mitarbeiter der jungen Gesellschaft. «Kaum jemand wollte zu dieser Zeit in Immobilien investieren. Im Zürcher Seefeld standen an guter Lage Häuser zum Verkauf, zu einem Preis, für den man heute nicht mal mehr eine halbe Wohnung kriegt. Und keiner traute sich, sie zu kaufen.»
Mutig sind auch andere Weichenstellungen der neuen Firma, die 1999 in die Mobimo Holding eingegliedert wird. Während andere noch zögern, setzt sie auf Erdsondenheizungen, Minergie-Standard und energiesparende Fassadenlösungen. Kunst am Bau ist von Anfang an ein Thema. Und natürlich die Architektur. Wettbewerbe sollen die Qualität der Projekte sicherstellen, man will ästhetisch bauen. Oder, wie Alfred Meili es ausdrückt, «nicht weiter mit schrecklichen Cremeschnitten die Landschaft verschandeln».
Und da ist ja noch Punkt eins des Meilischen Credos: Gutes tun. Dafür braucht es Erfolg. «Die Gewinne geben uns auch die Möglichkeit, sozial und rücksichtsvoll zu sein, sei es bei unseren Mitarbeitern oder Mietern oder bei Dritten. Man kann nicht von 8 bis 17 Uhr kapitalistisch handeln und nur abends offen sein für Soziales», erklärt er.
Die Anfangszeit ist wild, in Start-up-Manier traut man sich, Dinge anders zu machen als andere. Die Entscheidungswege sind kurz, die Aufgaben vielfältig. Und mittendrin Alfred Meili, zugleich Verwaltungsratspräsident, CEO, Aktionär. «Manchmal kam er ins Büro und sagte uns, er habe soeben zwei Grundstücke gekauft», sagt Horka. Meili könne «verhandeln wie der Teufel», so der Journalist Karl Lüond. «Wird ihm die Tür gewiesen, kommt er durchs Fenster wieder in den Raum oder notfalls durch den Kamin.»
Einmal im Monat trifft man sich mit dem gesamten Verwaltungsrat und bespricht Ideen und Projekte. Dabei wird auch heftig diskutiert. «Alles andere als ein Kopfnickergremium» sei das gewesen, berichtet Urs Ledermann, der 2001 in den Verwaltungsrat gewählt wird. Meili und Reichmuth hätten «herrlich streiten» können. «Aus der Reibung entstand Energie.»

Das Ende der Gründerära: An der Generalversammlung von Mobimo 2009 tritt Karl Reichmuth zurück. Auf dem Podium (von links nach rechts): Die Verwaltungsräte Wilhelm Hansen, Brian Fischer, Peter Schaub, Paul Schnetzer, Karl Reichmuth, Georges Theiler, CFO Manuel Iten, Verwaltungsratspräsident Urs Ledermann und CEO Christoph Caviezel.
Mobimo wächst. Von drei auf 20, auf 40 Mitarbeitende. Erst macht sie sich in Immobilienkreisen einen Namen, dann, mit dem Kauf des ehemaligen Sulzer-Hochhauses am Escher-Wyss-Platz, in der Öffentlichkeit. «Ein Name wird zum Begriff», schreibt die «Handelszeitung» im März 2001.
Am Donnerstag, dem 23. Juni 2005, kommt schliesslich der Tag, den Mobimo-Gründer Karl Reichmuth schon von Anfang an im Sinn hatte: Der Börsengang. Der verläuft vielversprechend: Die Emission ist sechsfach überzeichnet. Am ersten Handelstag schliesst die Aktie bei 187.50 Franken, neun Prozent über dem Ausgabepreis. «Beim Börsenneuling Mobimo ist es vor allem die hohe Direktrendite, welche die konservativen Anleger hinter dem Ofen hervorlockt. Teilweise werden sogar von den Anlegern die bisher gehaltenen Immobilienaktien verkauft, um bei Mobimo voll einsteigen zu können», analysiert «Cash». Zeit zum Feiern: Drei Wochen später folgt der Festakt mit 100 geladenen Gästen. Tenue, so steht in der Einladung, ist «Kravatte».
Das Immobilienportfolio vergrössert sich. Ende 2006 ist es schon mehr als eine Milliarde wert. Die Häuser haben Namen wie «Frohe Aussicht», «WestArt», «Novavida», «Hexagon». Doch immer wieder betont Mobimo, man wolle besser sein, nicht grösser.
Die Gesellschaft ist gut positioniert, schreibt stattliche Gewinne, die Strategie steht. Und als die Monate ins Land ziehen, stellt Alfred Meili fest: «Die Firma brauchte mich nicht mehr.» Am 8. Mai 2008 gibt der Mann, der in seiner Autobiografie schreibt «es gibt nichts Beständigeres als den Boden», sein Mandat als Verwaltungsratspräsident der Mobimo Holding ab und wird zum Ehrenpräsidenten gewählt.
Ein Jahr später geht die Gründerzeit endgültig zu Ende: Karl Reichmuth tritt aus dem Mobimo-Verwaltungsrat zurück. Wenn man ihn heute fragt, wie es sich anfühlt, dass aus dem von zwei Freunden gegründeten «No name aus Luzern», wie es einst in einem Artikel hiess, die viertgrösste Immobilienfirma der Schweiz geworden ist, antwortet er mit einem chinesischen Sprichwort: «Steht die Wurzel fest, wächst der Weg.» Reichmuth verrät: «Ich glaube, zum Erfolgsgeheimnis von Mobimo gehört, dass sie wie ein Familienunternehmen geführt wird.» Eine wahre Wahlverwandtschaft.







